Als Auslandskorrespondent in aller WeltDr. Gerd Helbigs Rede vor Schülern und Gästen am 23. Mai 2008 in der Aula der Immanuel-Kant-Schule
Liebe Mitschülerinnen – liebe
Mitschüler,
Liebe Lehrerinnen – liebe Lehrer,
Liebe Gäste!
Als Herr Rahn mir eine mail nach Tel
Aviv schickte – mit der Frage, ob ich Lust und Zeit hätte,
zum 5o jährigen Jubiläum der Immanuel Kant Schule einen
Vortrag zu halten, erschrak ich zunächst: 5o Jahre ist sie nun
schon alt? Die Schule, deren erster Abiturjahrgang wir waren.
Spontan habe ich Herrn Rahn zugesagt .
Ich bekenne ganz offen: es ist etwas ganz Besonderes für mich,
hier zu stehen und etwas darüber zu berichten,was ich nach
unserem Abitur in der Welt erfahren habe.
Der Titel des Vortrages stammt von
Herrn Rahn und lautet ‚Als Auslandskorrespondent in aller Welt’.
Das lässt mir alles offen.
Erwarten Sie/erwartet keine
anekdotische Zeitreise. Ich möchte diese Chance nutzen, eine Art
Bilanz zu ziehen - und welcher Ort wäre besser geeignet als
der, an dem alles anfing. Noch dazu fallen diese 50 Jahre Kantschule
zusammen mit meinem 40-jährigen Dienstjubiläum.
Ausland – das begann für mich
mit einem weltpolitischen Paukenschlag. Ich fuhr mit unserem
Kriegskorrespondenten Lothar Müller, den sie im Sender wegen
seines Befehlstons ‚General’ nannten, nach Tripoli in Libyen.
Eigentlich wollten wir einen Bericht über einen amerikanischen
Luftwaffenstützpunkt machen. Aber ein paar Tage vor unserer
Ankunft hatte es einen Putsch gegeben, der bis heute Nachwirkungen
hat. Ein 27-jähriger hoher Offizier, Muammar al Gaddafi, hatte
die Abwesenheit von König Idris benutzt, um eine Art arabischer
Revolution auszurufen. Der König weilte zum Staatsbesuch in
Griechenland. Unsere erste Berührung mit der neuen Realität
erfolgte auf dem Flughafen, wo wir alle unsere Whisky-Flaschen, die
wir im Frankfurter duty free gekauft hatten, abgeben mussten. Es gab
einen Raum, der voller Flaschen stand. Wir durften unsere Namen auf
die Flaschen schreiben, um sie bei Abreise wieder mitzunehmen –
aber wir haben sie nie wieder gesehen. Ich muß dazu sagen, dass
Whisky zur damaligen Zeit zur Grundversorgung der Teams gehörte.
Überhaupt waren Alkohol und Journalismus unzertrennlich. Das
hat sich übrigens in den letzten zehn/fünfzehn Jahren
radikal geändert. Dass wir überhaupt noch nach Libyen
einreisen konnten, lag daran, dass wir so früh kamen. Da hatte
sich noch keine neue Administration gebildet. Unsere Visa waren vor
dem Putsch ausgestellt worden. Wir konnten uns in Tripoli noch
ziemlich frei bewegen und hatten keine Aufpasser. Danach schottete
sich das Regime regelrecht ab. Wir konnten auf Gaddafis erster
Presskonferenz drehen. Da bekam man einen Eindruck von diesem jungen
selbstbewussten Mann, der sich gegen den westlichen Einfluss stellte.
Der Islam, der arabische Nationalismus
und eine Variante des Sozialismus fegten die prowestliche Monarchie
einfach weg. Natürlich kam Gaddafi nicht aus dem Nichts. Er
folgte seinem glühend verehrten Nachbarn Gamal Abdel Nasser, der
ebenfalls als junger Offizier daran beteiligt war, die ägyptische
Monarchie hinwegzufegen. Da war Gaddafi gerade 12 Jahre alt. Noch
heute hat Nasser in Teilen der arabischen Welt – vor allem bei den
Palästinensern einen legendären Ruf.
Libyen war so eine Initialzündung.
Ich war danach immer wieder im Nahen Osten, habe auch fünf
Jahre dort gelebt und lebe jetzt wieder dort. Aber nach Libyen kam
ich nie wieder. Was wir als Journalisten wollten, durften wir nicht
und was wir durften, wollten wir nicht. (z.B. nette Filme über
Wüste und Ruinen, aber selbst dafür braucht man eng
gehaltene Genehmigungen). Heute kann man als Tourist einreisen und
nach dem, was ich gesehen habe, kann ich nur sagen: es lohnt sich.
Ich hatte immer gehofft, ich würde
länger im Amt bleiben als Gaddafi, aber das wird wohl nichts. Er
gehört zu diesen diktatorischen Figuren, die den Charakter der
Monarchie haben: sie sind nicht abwählbar und bleiben deshalb
endlos im Amt. Sie ahmen die Monarchie sogar noch in einer fast
skurrilen Eigenart nach: der Erbfolge. Wir haben das in Syrien
gesehen; im Irak hätte sicher einer der Söhne Saddam
Husseins die Macht übernehmen sollen; in Ägypten möchte
Staatspräsident Mubarak das am liebsten auch. Kein großer
Unterschied also zu den Königreichen und Scheichtümern.
Aber es herrscht auf diese Weise eine gewisse Kontinuität und
Berechenbarkeit.
Die westliche Form der Demokratie hat
keine Chance. Lange wurde der Libanon als funktionierende Demokratie
angesehen, aber er versank im Bürgerkriegschaos. Am ehesten
kommen diesen Ideen noch Staaten wie Algerien nahe. Und – auch wenn
wir das nicht gerne hören dürfen – der Iran. Herr
Amadinejad kann abgewählt werden.
1972 verlor ich den Nahen Osten für
die nächsten zehn Jahre aus den Augen. Das ZDF schickte mich als
Korrespondent nach Washington. Damals war ich der jüngste –
heute bin ich der älteste. Etwas besseres als in Washington
anzufangen kann einem jungen Journalisten nicht passieren. Sofern er
im Ausland arbeiten will und darf. Ich selber wäre gar nicht auf
die Idee gekommen. Ermuntert und halbwegs geschoben wurde ich von
Hanns Joachim Friedrichs, den manche von Ihnen sicher noch als
Mr.Tagesthemen in Erinnerung haben. Damals war er beim ZDF beim
Vorläufer des HEUTE-JOURNALS. Wenn jemand mein Vorbild war,
dann er.
In seinem Buch, das er kurz vor seinem
Tod geschrieben hat, steht der journalistische Kernsatz: „Einen
guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand
seiner Betrachtung hält; dass er sich nicht gemein macht mit
einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei
ist, aber nie dazu gehört.“ Das ist – zugegeben – im
Ausland sehr viel einfacher als im Inland, wo man sehr rasch
vereinnamt wird, vor allem von den politischen Parteien. Und das ist
auch deshalb einfacher, weil es viel schwieriger zu kontrollieren
ist. Wer kennt sich schon in der Innenpolitik – etwa - Indonesiens
so gut aus, dass er sofort weiß, ob der Korrespondent korrekt
berichtet. In deutscher Innenpolitik jedoch weiß jeder wache
Mitbürger was Sache ist. Nach Hanns Joachim Friedrichs ist
übrigens einer der begehrtesten Preise benannt worden, die es in
Deutschland für Journalisten gibt.
Noch ein anderer Spruch aus dieser Zeit
ist mir in Erinnerung. Einer unserer frechsten Korrespondenten zu
jener Zeit, dem ich beim Texten viel abgeschaut habe, gab mir als Rat
mit: ‚Und wenn die Amerikaner sich einen Affen zum Präsidenten
wählen, ist das immer noch ihre Sache.’ Dem ist nichts
hinzuzufügen.
In Washington geriet ich in eine
unglaublich erregte innenpolitische Situation. Es ging auf die
Endphase des Vietnamkrieges zu. Washington war wie ein Hexenkessel.
Es gab überaus beeindruckende Anti-Vietnam-Demonstrationen und
bewegende Konzerte – etwa mit Joan Baez und Aktionen wie die von
Jane Fonda. Amerikas liberale Seite war strikt gegen den Krieg. Und
das liberale Herz schlägt klassisch in Hollywood. Deswegen
waren auch viele Stars gegen den Krieg und das hatte Wirkung. Amerika
war gespalten und zerrissen wie lange nicht – vielleicht sogar wie
seit dem Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden
1861 – 1865 nicht mehr.
Henry Kissinger, der Professor aus dem
fränkischen Fürth, mühte sich um einen Ausweg aus dem
Krieg. Er endete in der Tat 1975, aber man kann nicht sagen, dass er
ehrenvoll endete. Die letzten Amerikaner zogen aus Saigon unter
tumultartigen Umständen ab, als die nordvietnamesischen
Truppen schon einmarschierten.Die Vereinigten Staaten sahen dies als
eine schmachvolle Niederlage. Die Spaltung der Nation hielt jahrelang
an. Vor allem in nationalistischen Kreisen war die Meinung
verbreitet, dass die Medien mit ihrer Berichterstattung über den
Krieg die sogenannte Heimatfront aufgeweicht hätten.
Man hat im übrigen die Lehren
daraus gezogen und die Journalisten z.B. im ersten Golf-Krieg an die
Kette gelegt. Da gab es die sogenannten ‚embedded’ journalists.
Das waren ausgewählte Journalisten, die mit den Truppen in die
Kampfgebiete fahren durften. Man hatte sie unter Kontrolle. Dasselbe
haben übrigens dann auch die Israelis im 2.Libanonkrieg 2006
praktiziert. Daraus wurden die sogenannten ‚hotel warriors’ –
die Hotel Krieger. Das waren die armen Kollegen, die in Kuwait im
Hotel saßen und über den Krieg berichteten).
Zu Vietnam gibt es noch eine
Geschichte, die mehr über das Land aussagt als dicke
gesellschaftliche Betrachtungen. So wie es in Washington für
alles und jeden ein Denkmal gibt, kam von Veteranen des
Vietnamkrieges auch die Forderung nach einem Denkmal. Sie sammelten
Geld und erhielten ein zentrales Gelände mitten in Washington
vom Kongress zugewiesen. Bedingung war eine anonyme Ausschreibung.
Schon vorher hatte es hässliche Auseinandersetzungen gegeben.
Wieso ein Denkmal, dass an die nationale Schmach der Niederlage
erinnert? Aber als dann das siegreiche Modell vorgestellt wurde, gab
es geradezu einen Aufschrei. Den Wettbewerb hatte eine 21-jährige
Architekturstudentin gewonnen. Noch schlimmer: sie kam aus einer
chinesischen Einwandererfamilie und hieß Maya Lyng Lin. Und ihr
Entwurf war eine Sensation. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit
all den bronzenen Denkmälern, mit denen Washington übersät
ist. Auf 140 schwarzen Marmorblöcken stehen die Namen der 58.132
Toten und der 1300 Vermissten aus den fast 20 Jahren des
Vietnamkrieges.
Heute ist es der meist besuchte Ort
Washingtons.
Wir haben damals einen Film über
Maya Lyng Lin gedreht, waren bei ihr zuhause und in ihrem Atelier und
bei einer weiteren Denkmalseinweihung. Sie ist damals eine
bemerkenswerte junge Frau gewesen (nächstes Jahr wird sie 60).
Sie hat viel Häme über sich ergehen lassen müssen,
aber sie hat sich durchgesetzt gegen die nationalen Sturköpfe,
die ihren Entwurf schlichtweg nicht für heldenhaft hielten.
Und dann noch jung – Frau – und Asiatin. Schlimmer konnte es
nicht kommen für sie. Ich meine: besser konnte es nicht kommen –
für Amerika.
Und wenn mein Herz nach 12 Jahren
Amerika an diesem Land hängt, dann wegen Menschen wie Maya Lyng
Lin. Der Vietnam-Krieg, bzw sein Ausgang, war eine Katastrophe für
Amerika – aber nicht die einzige. Die zweite war der sogenannte
Watergate-Skandal, in dessen Folge der damalige Präsident
Richard Nixon zurücktreten musste. Das Watergate ist ein sehr
nobles Hotel in Washington, in das bevorzugt Politiker aus aller Welt
gehen. Dort hat zum Beispiel Helmut Kohl später gerne nachts
nach seinen politischen Gesprächen in kleiner Runde geplaudert.
Das durften wir nicht verwenden, aber es war gut zu wissen. ‚Unter
3’ – so heißen vertrauliche Gespräche , die dazu
dienen, uns Hintergrund-Informationen zukommen zu lassen. In so was
war Kohl ein Meister. Im Watergate-Hotel hatte die Demokratische
Partei ihr Wahlkampfzentrum 1974 eingerichtet. Dann wurden
Abhörgeräte entdeckt, die von der republikanischen Partei
in den Zimmern angebracht worden waren. Ganz langsam entwickelte sich
der Skandal. Immer mehr kam heraus. Am Ende fanden zwei Reporter der
Washington Post Zeitung, Bernstein und Bob Woodward heraus, dass die
Spur bis zum Präsidenten führte. Es war eine ungeheure
Kleinarbeit, denn alles mußte durch mehrere Quellen
gesichert sein. Es ging schließlich um den Präsidenten.
Man kann sich kaum vorstellen wie das war. da nahmen zwei junge
unbekannte Journalisten den Kampf auf mit dem mächtigsten Mann
der Welt.
Eine erstaunte und entsetzte Nation
musste erfahren, dass ihr Präsident das war, als was er schon
vor dem Skandal oft genannt wurde – a crook – ein Gauner. Nicht
umsonst war sein Spitzname TRICKY DICK – der trickreiche Dick
(Dick von Richard). Gegen Richard Nixon wurde schließlich ein
Verfahren zur Amtsenthebung eingeleitet. Ein ungeheurer Vorgang in
der amerikanischen Geschichte. Bevor er aber seines Amtes enthoben
wurde, zog er die Konsequenzen und trat zurück. Es war ein
bitterer Triumph für den sogenannten investigativen
Journalismus. Berstein Woodward waren seither die Medien Helden. Mit
ihren Veröffentlichungen wurden sie Millionäre. Und
weltweite Vorbilder. Mit diesen Eindrücken von einer zerrissenen
Nation, deren politisches System aber funktionierte, kehrte ich nach
Deutschland zurück. Voller Bewunderung für diese Art mit
dem eigenen Land umzugehen. Und mit großen Zweifeln, ob wir so
etwas je könnten. Umso größer war meine Enttäuschung,
als die gesamte amerikanische Presse sich kritiklos hinter den
zweiten Irak-Krieg stellte. Auch als schon klar war, dass die
Begründungen nicht stimmten und auf Fälschung und sogar
Lügen aufgebaut waren. Der Propagandaapparat des Weißen
Hauses überrollte sie schlichtweg. Die einzige Erklärung
dafür war, dass in der Folge des 11.September 2001 , dem
Attentat auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in
Washington so gut wie alles durchgesetzt werden konnte.
Die New York Times hat sich später
voller Scham selbst angeklagt. Man habe seine journalistische Pflicht
grob vernachlässigt und sich vor einen Karren spannen lassen.
Andere große Zeitungen folgten. Als ich 1986 nach Amerika
zurückkehrte und dann neun Jahre dort blieb, fand ich ein
verändertes Land vor. Die Nation hatte ihr Selbstvertrauen
wiedergewonnen – es war wieder the greatest nation on earth – die
größte Nation der Welt.
Was war geschehen? Im Grund konnte man
den Wandel auf einen Mann zurückführen: Ronald Reagan. Für
die Welt war er der Schauspieler aus Hollywood, der zum Präsidenten
wurde; für die Amerikaner war er die Erfüllung des
amerikanischen Traums.
Und er war der permanente Glückspilz.
Am 15.Januar 1981 wurde er vor dem Capitol eingeschworen. In der
Feierstunde danach konnte eine dramatische Ankündigung machen:
unsere Geiseln sind frei. Im November 1979 hatten die iranischen
Revolutionsgarden des Ayatollah Khomeini die 444 Angehörigen der
amerikanischen Botschaft in Teheran zu Geiseln genommen und bis zu
diesem 15.Januar festgehalten. Ein Befreiungsversuch scheiterte
ziemlich kläglich. Diese Schmach lastete noch zusätzlich zu
Watergate und Vietnam auf Amerika. Die Befreiung wurde nicht den
endlosen Bemühungen des Präsidenten Jimmy Carter
zugeschrieben, sondern Ronny Reagan konnte sich mit dem Triumph schon
am ersten Tag im Amt schmücken. Die genauen Hintergründe
sind bis heute im Dunkeln geblieben. Das Glück hat Reagan danach
nicht verlassen. Dieser Präsident war ein Phänomen. Er war
ein knallharte Konservativer mit wenigen klaren Prinzipien. Mit
seinem Ziel, die Sowjetunion totzurüsten, hat er den
Ost-West-Konflikt aufgebrochen. Auch da war er im Glück: er
bekam als Partner Michael Gorbatschow. Die Treffen der beiden waren
legendär.
Dann war da der andere Ronny Reagan:
ein Mann mit Humor und Wärme, der bis heute in den Herzen der
Amerikaner geblieben ist. Für uns Fernsehleute war er ein
Glücksfall: immer war im Weißen Haus etwas los. Dazu trug
auch seine Frau Nancy bei. Den Amerikanern wurde zudem eine
unangreifbare Zweisamkeit vorgeführt. Ronald Reagan blieb immer
auch Schauspieler. Nie wusste man genau, ob man den Schauspieler oder
den Politiker vor sich hatte. Er selbst hat einmal gesagt, er wisse
gar nicht, wie man Präsident sein könne, ohne Schauspieler
zu sein.
In meinen zweiten Amerika-Aufenthalt
fiel die gesamte Amtszeit von Präsident Bush – dem Vater des
jetzigen Präsidenten. Obwohl es für ausländische
Journalisten schwierig bis unmöglich ist, dem Präsidenten
nahe zu kommen, war es bei George Bush etwas anders. Zunächst
hat er eine joviale Art mit Menschen umzugehen und hätte das
sicher gerne viel mehr getan, wenn ihn seine Sicherheitsleute nicht
radikal abschirmten. Zudem kannte man ihn aber auch recht gut aus
seiner Zeit als Vizepräsident, als er noch nicht so abgeschirmt
war. Ich selber habe ihn zweimal getroffen. In seine Amtszeit fällt
der triumphale Sieg im ersten Irak-Krieg. Aber auch der Fall der
Mauer. Zwar hatte im Juni 1987 Ronny Reagan in Berlin noch voller
Pathos gerufen: „Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer
nieder!“ Aber als es dann zum Erstaunen aller Welt so weit war,
herrschte zunächst mal Schrecken in der Regierung. Es ging alles
so schnell und war so unberechenbar. Ganz anders die Amerikaner
selber. Die waren begeistert von den Bildern und da ihnen Freiheit
ohnehin der höchste Begriff ist, freuten sie sich offen und
ehrlich mit uns. Überall wurde man angesprochen, wurde einem
gratuliert.
Aber es änderte sich rasch. Im
Laufe des Einigungsprozesses hat sich George Bush viel mehr als
Freund der Deutschen gezeigt als so einige unserer Nachbarn. Frau
Thatcher in Großbritannien machte aus ihrem Missmut keinen
Hehl. Bush ging sogar weiter, indem er den Deutschen mehr Macht und
Einfluß zutraute als gerechtfertigt war. Bush bot den Deutschen
die Rolle des „Partners in der Führung“ an und eine
besondere Beziehung. Dazu kam es nicht. Deutschland versank in den
Mühen der Vereinigung und wollte diese Rolle auch aus
diplomatischen Gründen nicht. In Europa waren ohnehin viele
misstrauische Blicke auf diesen neuen Koloß gerichtet. Noch
dazu versinnbildlicht durch den Koloß Helmut Kohl.
Auch im Verhältnis zu Michael
Gorbatschow pflegte Bush seinen persönlichen Stil. Überhaupt
gab es einen ganz überraschenden Stilbruch im Verhältnis
der beiden Regierungen. Ich erinnere mich noch genau an den ersten
Auftritt von Eduard Shewadnardse, dem Außenminister Russlands
in den USA. Es war auf dem Militärflugplatz Andrews, wo die
Hohen Gäste oft landen. Shewadnardse stieg gut gelaunt aus dem
Flugzeug. Die amerikanischen Kollegen überfielen ihn – wie
gewohnt – mit Fragen. Statt zu antworten marschierte er auf die
Journalisten hinter der Absperrung zu, stellte seinerseits Fragen. Er
konnte so unglaublich befreiend lachen. Das überraschte die
Amerikaner total und brach sofort das Eis. Über Jahrzehnte war
man ja das brummige, finstere Gehabe der Sowjets gewohnt, dessen
Hauptvertreter der frühere Außenminister Anrej Gromyko
war, den man ‚Mr.Njet’ nannte – weil er zu allem nein sagte.
Shewadnardse und sein amerikanischer Kollege James Baker führten
einen neuen Stil ein. Das zählt viel in Amerika.
Aber das Ende des Kalten Krieges
bedeutet auch das Ende der Berechenbarkeit. Bush und seine Berater
sahen eine Zeit der Unsicherheit und Instabilität auf sich
zukommen. Dennoch: Bush setzte die Abrüstungspolitik seines
Vorgängers fort. Bei aller Skepsis war die Entspannung ein
Schritt, der die Welt veränderte.
Im Guten.
Man merkt natürlich, dass Amerika
in dieser Schilderung den großen Vorrang hat. 12 Jahre in
Washington sind eine prägende Zeit. Davor lag eine ebenso
prägende Zeit: von 1981 bis 1985 war ich Korrespondent im Nahen
Osten, unser Studio befand sich in Beirut. Es war mitten im
Bürgerkrieg, der sich über zehn Jahre hinzog. Wir wohnten
im moslemischen Teil der Stadt. Das hieß: wenn die Araber kein
Wasser hatten, hatten wir auch keins; wenn die Araber keinen Strom
hatten, hatten wir auch keinen; wenn geschossen wurde, traf es sie
wie uns. Unser Drei-Mann-Team hatte alles mit nach Beirut genommen.
Auch insgesamt fünf Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren,
die in eine deutsche Zwergschule gingen. Während dieser Zeit
mussten sie in drei aufeinander folgenden Jahren von britischen oder
amerikanischen Truppen evakuiert werden. Nachträglich haben wir
uns schon gefragt, ob es richtig war mit, kleinen Kindern in ein
Bürgerkriegsland zu gehen. Mittlerweile sind die Kinder um die
30 Jahre alt und erinnern sich seltsamerweise gern an Beirut. Die
Arbeitssituation war sehr schwierig: sehr oft war der Flughafen
geschlossen. Dann mussten unsere Berichte mit dem Taxi über die
Berge nach Damaskus gebracht werden, um dort auf die Lufthansa zu
gehen. Satellitenüberspielungen gab es damals nicht. Das betraf
allerdings nur die Bürgerkriegsberichte aus dem Libanon. Der
Nahost Korrespondent ist verantwortlich für alle Länder der
Arabischen Liga. Das waren damals 24. Einige habe ich nie gesehen.
Auch – wie schon erwähnt – Libyen nicht. In den Iran kam ich
trotz aller Versuche nicht rein, weil ich einmal ein längeres
Interview mit dem Schah gemacht hatte. Das hängt einem nach.
Umgekehrt wurden wir zu einem Interview mit Saddam Hussein nach
Bagdad eingeladen , aber der Herr Diktator ließ uns eine Woche
warten, bis wir abziehen durften.
Der Nahe Osten war schwierig. Das
betraf natürlich die Kriegssituation. Aber auch sonst hat man
so seine Probleme. Das waren ja allesamt keine Staaten mit einer
demokratischen Regierungsform, die eine Vorstellung von
Pressefreiheit oder von Presse überhaupt hatten. Nur im Libanon
war das anders. Aber wollten wir zum Beispiel in Saudi Arabien einen
Bericht über Kamelrennen machen, so dauerte es schon allein
Wochen, ein Visum zu bekommen. Endlich dort, saß man im
Informationsministerium , trank endlos guten Tee, bis die
Drehgenehmigung da war. Dabei verlief alles sehr freundlich ab. Aber
es nervte. Aber man erlernte die arabische Tugend der Geduld, des
Gleichmuts. Sehr gut war es, wenn ein deutscher Minister oder gar
Kanzler kam. Dann konnte man sich dranhängen und noch ein paar
Randstories drehen.
1982 veränderte sich die Situation
dramatisch. Israel marschierte ein, eroberte Libanon binnen Tagen
bis hinauf nach Beirut. Was waren wir nun? Besetzt oder befreit? Die
Israelis vertrieben die bewaffneten Palästinenser von Yassir
Arafat aus dem Land, was so manchem Libanesen nur recht war. Denn die
Palästinenser hatten sich zu einem Staat im Staate entwickelt.
Genauso wie heute die Hisbollah – nur das d i e aus Libanesen
besteht. Die Israelis blieben im Süd-Libanon, aber sie zogen
sich 2000 zurück, da sie dauernd in Kämpfe mit der gerade
erstarkenden Hisbollah verwickelt war. Es war kein ruhmreicher
Rückzug.
So kam es, dass wir den ersten
Libanonkrieg der Israelis in Beirut erlebten und den zweiten im Jahre
2006 in Israel. Ein Jahr zuvor waren wir nach TelAviv versetzt
worden. Ich wäre wahrscheinlich nicht gegangen, sondern lieber
in Rom geblieben, wo wir zuvor waren. Aber für meine Frau, die
den gleichen job hat wie ich, war es – wie man so schön sagt –
ein Lebenstraum. Und der wurde erfüllt. Sie hatte sich stets
mehr für die harte Politik – das heißt auch
Militärpolitik –interessiert, war in den Jugoslawien-Kriegen,
in NATO-Manövern und schon in Amerika mit Rüstung und
Abrüstung beschäftigt. Ich war schon öfter in Israel
gewesen, aber nie länger als zwei Wochen in Sondereinsätzen.
In diesem Land zu leben, mit dem uns eine so unheilvolle Geschichte
verbindet – das schien mir schon etwas anderes. Noch dazu mit
meiner ‚arabischen’ Vergangenheit. Das haben wir dadurch gelöst,
dass wir nach Jaffa gezogen sind (bekannt durch die berühmten
Jaffa-Orangen). Dort leben noch sehr viele Araber. Und so kaufen wir
in kleinen arabischen Läden ein – und es ist fast so wie in
Beirut – aber mitten im Israel. Politisch ist die Situation fast
hoffnungslos. Drei Jahre leben wir schon in Israel und es ist immer
schlimmer geworden. Die Friedensaussichten sind minimal. Es hängt
doch sehr von den Amerikanern ab und unter diesem Präsidenten
wird nichts mehr geschehen. Er hat sich seit 7 Jahren kaum gekümmert
und sich total auf die Seite Israels gestellt. Übertroffen wird
er da nur noch durch Bundeskanzlerin Merkel, der sogar israelische
Zeitungen Kniefall vor Israel vorwerfen. Auf diese Weise ist kein
Ausgleich mit den Palästinensern möglich. Und es hilft
auch Israel nicht.
Und Israel selbst. Es verschanzt sich
hinter einer Mauer. Die Selbstmordattentate haben fast aufgehört.
Dem Land geht es gut. Aber man hat den Eindruck, dass sei Fassade.
Dahinter lauert der ungelöste Konflikt.
Eine Furcht, die jeden deutschen
Journalisten beschleicht, wenn nach Israel versetzt wird, ist die
Frage, wie man als Deutscher behandelt wird. Meine Erfahrungen sind
fast beschämend. Wir werden behandelt wie alle anderen. Nie ist
mir ein Interview-Wunsch abgesagt worden, weil ich Deutscher bin.
Natürlich fragt man sich, wie kritisch man werden darf. Immerhin
ist Israel das einzige Land im Nahen Osten, das Pressefreiheit kennt.
Als ich jetzt zum 6o. Jahrestag der Gründung Israels eine
kritische Reportage über die Besatzung gemacht habe, wurde ich
aus Deutschland teilweise in übelster Form beschimpft – aus
Israel nicht.
Noch ein Wort zu unserem Rom
Aufenthalt. Wer fünf Jahre in der historischen Altstadt gewohnt
hat – mit Blick zur Spanischen Treppe und dem Medici-Palast, der
sollte schweigen. Es war großartig. Ich muß aber doch ein
Wort zum politischen und journalistischen Wert dieser Jahre sagen. Es
waren die langweiligsten und unwichtigsten. Man konnte wunderbare
Feuilletons drehen. Italien ist voll von Geschichten und Typen:
denken Sie bloß an Berlusconi. Aber nach kurzer Zeit läuft
sich das tot. Für meine Frau war das tödlich: no action!
Ich habe in den Jahren Papst Johannes
Paul II auf seinen Reisen begleitet, aber auch über den Vatikan
berichtet. Das muss man sich vorstellen: da kommt ein Mann aus
Holstein, groß geworden in der Backstein-Gotik und erzogen im
streng evangelischen Umfeld und wird Papst-Berichterstatter. Außerdem
liegt unser Sender ZDF im katholischen Mainz. Ich hatte meine enormen
Schwierigkeiten mit dem Prunk und der überladenen Liturgie des
Vatikan – aber den polnischen Papst Woityla sozusagen betreuen zu
dürfen, war einmalig. Er war eine Jahrhundertgestalt und die
überwältigenden Szenen, die sich in Rom bei seinem Tod
abspielten, gehören zu dem Eindringlichsten, was ich erlebt
habe. Und er war ein Prediger des Friedens.
Das ist der passende Übergang zu
meinem Schluß. Wenn man mich fragt: welches war die wichtigste
Station in meiner Laufbahn – dann sage ich ohne Zögern: meine
Jahre in Brüssel von 1995 bis 2000. Abgesehen davon, dass mir
die Stadt sehr gefiel, war es Journalismus zum Anfassen. Man bekam
Informationen, man traf wichtigste Leute an der Kaffeebar; man hatte
engsten Kontakt zu den Kollegen (das gab es sonst nirgends); denn man
sah sich dauernd auf Informationsveranbstaltungen. Minister und
Kommissare nicht abgeschottet, sondern zugänglich. Brüssel
war offen.
Ich weiß und verstehe auch, dass
so mancher sagt: Brüssel – dieses Bürokraten-Monstrum.
Das unser Leben überregulieren will. Immer neue Vorschriften.
Schrecklich. Wie kann das spannend sein? In der Tat: Brüssel ist
mühsam. Aber Brüssel ist der Begriff für eines der
großartigsten Experimente der Geschichte. Einen Kontinent, in
dem sich jahrhundertelang die Völker an der Gurgel saßen
und sich gegenseitig massakrierten , in Frieden zu einen. Wir nehmen
das schon so hin, dass nunmehr seit 1945 Ruhe herrscht. Aus einem
Europa des Nationalismus und der Kriege ist ein Europa der
Integration geworden.
Nur zwei Zahlen: ich las vor kurzem,
dass allein 1915 im ersten Weltkrieg über eine Million junger
Franzosen ihr Leben ließen. Und gestern war ich auf dem
Soldaten-Friedhof in meinem Heimatdorf und sah die Gedenksteine für
die Gefallenen – 19 – 21 – 24 Jahre alt. Wofür? Großartig,
dass es damit in Europa vorbei ist.
Mir ist klar, dass wir uns die fehlende
politische Einheit erst einmal mit dem Trick der gemeinsamen
Wirtschaft und dann mit dem EURO erkauft haben. Es ging nur so. Ich
habe als Fünfjähriger 1945 Neumünster noch brennen
sehen. Ich habe überall auf der Welt die Militarisierung der
Politik erlebt. Auf uns Europäer wird in so mancher Weltecke
herabgeschaut. ‚Was waren die früher für tapfere Soldaten
– die konnten noch sterben und jetzt?’ Weichlinge. In den USA ist
das so – im Nahen Osten auch. Da müssen wir durch.Wir sind
auch nicht die einzigen. In Südamerika geht es auch. Europa hat
eine Menge Macken. Es kann enervierend sein. Aber es ist es wert.
Ich kann Helmut Kohl als Innenpolitiker
nicht beurteilen. Aber er war ein großer Europa-Politiker
(zusammen mit Mitterand). Er ist zurecht Ehrenbürger Europas
geworden. Mit Tricks und Geld, mit zäher Geduld hat er die
Vision Europa vorangetrieben. Wir sollten alles daran setzen, das zu
bewahren.
Und damit habe ich den Bogen zum Schluß
geschafft. Ich habe mir das Lesebuch der Oberstufe von 1959
aufgehoben. Das hieß damals ‚Die Silberfracht’. Gleich zu
Beginn vier Texte von Immanuel Kant. Ich weiß nicht, ob heute
auch noch Kant gelesen wird. Unter diesen Texten auch der
philosophische Entwurf „Zum ewigen Frieden“ aus dem Jahr 1795.
Weil Kant wusste, dass so idealistische Gedanken leicht dem Spott
zum Opfer fallen, bezog er seinen Titel auf die Kneipe eines
holländischen Gastwirts, die ‚Zum ewigen Frieden’ hieß.
Aber in der Schrift finden sich erstaunlich moderne Maxime. Als
Beispiel der Präliminarartikel Nr 5 : Kein Staat soll sich in
die Verfassung und Regierung eines anderen Staates gewalttätig
einmischen. Nicht schlecht, dachte ich mir , dass dieser Mann unserer
Schule seinen Namen leiht.
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