Dr. Gerd Helbig - Grußwort zur 50-Jahr-Feier der IKS
Liebe Mitschülerinnen, liebe
Mitschüler!
Das ist die einzige Anrede, die für
uns alle gilt............
Als Herr Rahn mich fragte, ob ich zur
5o-Jahr Feier kommen und ein Grußwort sprechen würde, war
meine erste Reaktion: jetzt bist Du wirklich alt! Und als ich mich
fragte: warum ich? dachte ich mir: sicher suchen die einen, der so
weit weg ist, dass er sich seiner Schule nur noch in Verklärung
erinnert. Beides stimmt: ganz schön alt und verklärt.
Erlauben Sie mir ein paar persönliche
Sätze: ich kam von der Holstenschule in die IKS, und zwar schon
in der Oberstufe. Als Fahrschüler aus einem kleinen Dorf, dessen
Name inzwischen der Gebietsreform zum Opfer gefallen ist. (So wie
meine Mutter in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts als
Fahrschülerin zur Klaus Groth-Schule). Die Holstenschule trug
damals durchaus noch Züge, die aus der Heinz Rühmannschen
Feuerzangenbowle stammen konnten. Es gab den Pedell Meyer und einen
strengen Rektor.
Ich bin bis heute der festen
Überzeugung: man war froh, dass ich ging (und mit mir einige
Leidensgefährten). Ich – und nicht nur ich – nahm dieses
jedem Lehrer bekannte und unerträgliche Argument für mich
in Anspruch – der Junge (bei Mädchen gilt das ja längst
nicht in gleichem Maße) , also: der Junge ist hochintelligent,
aber stinkfaul. Mit anderen Worten – ich war grottenschlecht.
Dann noch etwas: die Holstenschule war
ein reines Jungen-Gymnasium. Als ich sie verließ, gab es 800
Jungen und ein Mädchen. Eine kesse Blonde, die eine
Sondergenehmigung hatte.
Die IKS hingegen lockte mit
Koedukation. Zudem kein Backstein, sondern moderne Architektur. Es
war wohl Flucht und Befreiung zugleich, die uns aus dem Backstein
trieb.
Immanuel Kant spielte – soweit ich
mich erinnere - keine Rolle. Zumindest nicht als Philosoph.
Aber die kleine Büste in der
Eingangshalle auf dem Sockel hatte eine fast magische Wirkung.
Wir trieben uns in der Halle oft noch
herum, wenn alle weg waren, weil unser Zug noch nicht fuhr. Da waren
wir dann allein mit dem Herrn Professor aus Königsberg.
Vielleicht wirkte die Büste gerade deshalb, weil sie so klein
war. Kant war ja ein kleiner Mann. Noch viel beeindruckender ist für
mich eine Darstellung, die Horst Janssen, dieser geniale, verrückte
Künstler, 1983 gezeichnet und an Helmut Schmidt geschickt hat.
Da schaut Kant mit bescheidener Freundlichkeit, aber unendlicher
Überlegenheit.
Die IKS wurde dann tatsächlich zu
einer Befreiung. Das lag nicht an mir, sondern zunächst an
meinem Klassenlehrer, den wir einfach Charly nannten. Das wäre
in der Holstenschule schwer denkbar gewesen. Es änderte sich
also der Stil. Es wurde auch einfach mehr gelacht.
Aber eine ganz unerwartete Wende ergab
sich durch unseren Deutschlehrer , der in den beiden letzten Jahren
auch Klassenlehrer wurde. Oberstudienrat Mißfeldt kippte mich –
und nicht nur mich – aus der Lethargie. Er sah sehr streng aus
seiner Brille, auf gewisse Weise fordernd, aber auch distanziert.
Von Immanuel Kant heißt es, er sein ein beliebter Lehrer an der
Universität gewesen. ‚Beliebt’ war wohl für unseren
Oberstudienrat nicht das treffende Wort – geachtet eher.
Von Johann Gottfried von Herder, der
bei Kant studierte, gibt es den Satz aus einem Brief über
seinen Lehrer: „Er munterte auf und zwang angenehm zum
Selbstdenken.“ Lassen wir Herder und Kant mal weg, von denen wir
kaum etwas gelesen haben, aber das war es: er zwang angenehm – das
heißt wohl: ohne Druck – zum Selbstdenken. Wer wollte, der
sollte selbst denken. Und übrigens auch selbst schreiben. Und so
erschienen dann auch in damaligen Ausgaben der Schülerzeitschrift
KANTSTEIN literarische Texte, die streng nach Wolfgang Borchert
rochen. Der war ja erst zehn Jahre zuvor mit gerade mal 26 Jahren
gestorben und hatte großen Einfluß auf unsere
Generation. Mir setzen seine Geschichten heute noch zu.
Diese Wende zum Selbstdenken und zu den
geisteswissenschaftlichen Fächern hatte dann eine weitere Wende
zu Folge. Ich hatte jahrelang nur einen festen Berufswunsch, der lag
in meinem Kopf fertig geplant vor: ich wollte Kapitän der
Handelsmarine werden. Dieser überaus vernünftige Wunsch mit
klaren Ausbildungsrichtlinien verschwand im Nichts. Das Ergebnis war,
dass ich am Ende der Schulzeit weder wusste , was ich studieren
sollte, noch was ich werden wollte. Ich glaube zu wissen, dass es
einigen meiner Klassenkameraden nach dieser intensiven Oberstufe
nicht viel anders ging.
Im Versetzungszeugnis zur Oberprima
steht: setzt sich sehr für die Belange der Schulgemeinschaft
ein. Obwohl ich mich daran gar nicht recht erinnern kann, muß
ich sagen: das klingt gut. Und schließlich schreiben die
Klassenlehrer so etwas ja nicht einfach so ins Zeugnis. Vielleicht
war es auch dieses Engagement in der Schülermitverwaltung, der
ich es zu verdanken hatte, dass ich ausgewählt wurde, die
Abiturrede zu halten. Denn der Klassenbeste war ich wirklich nicht.
So kann es also sein, dass ich zum zweiten Mal an dieser Stelle stehe
und etwas von mir geben darf. Diese Abiturrede ist verschwunden –
und das ist auch gut so.
Das war garantiert keine schöpferische
Glanzleistung. Sicherlich habe ich mich bedankt – und das war kein
Lippenbekenntnis.
Das Studium verlief noch ganz im Sinne
der beschriebenen Wende der Oberstufe. Aber dann wurde ich Journalist
– noch dazu in den Niederungen der Aktualität. Ich weiß
nicht, was sich mein Oberstudienrat Mißfeldt erhofft hatte.
Aber wir trafen uns vor ein paar Jahren anlässlich einer
Buchvorstellung im Rathaus von Neumünster wieder. Und ob Sie es
glauben oder nicht: ich hatte immer noch den gleichen Respekt wie
1960. Da hatte ich das sichere Gefühl, dass er mir meine
berufliche Entgleisung nicht übel genommen hatte. Ehrlich
gesagt: zum Philosophie-Professor hätte es nicht gereicht. Und
damit bin ich zum letzten Mal bei dem Philosophie-Professor, dem
unsere Schule ihren Namen verdankt. Immanuel Kant kam zeit seines
Lebens kaum aus Königsberg heraus. Ich dagegen habe 1972
Deutschland verlassen und bin - bis auf zwei Unterbrechungen – nie
wieder zurückgekehrt. Ich bin sehr unsicher, welches
Lebensprinzip besser ist. In diesem Zusammenhang: ich habe bisher
vier Mal die Buddenbrooks gelesen – jedes mal in einem anderen
Land. Soviel zu Holstein.
Journalisten sollen reden und schreiben
– aber niemals über sich selbst. Diese Grundregel habe ich
durchbrochen und danke allen, dass sie es ertragen haben. Sagen wir
so: es redete kein Journalist, sondern ein Schüler.
Ich wünsche allen Ehemaligen, das
sie bekennen können: alles in allem war’s eine gute Zeit auf
der IKS.
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