Eine
Fahrt ins Ungewisse
Der
Magier sah mich an und schwieg. Langsam stand er auf, öffnete
die Tür des Zugabteils und verschwand im selben Augenblick.
Da saß ich und blickte verwirrt auf den versiegelten
Briefumschlag in meinen Händen. Während ich den Brief
ansah, dachte ich an alles Mögliche, was passieren oder was in
dem Brief stehen könnte. Was man sich halt so in seiner Fantasie
vorstellt. Ritter, Drachen, Prinzen, Schlösser, Helden und so
weiter gingen mir durch den Kopf. Aber es könnte ja auch etwas
Schlimmes hinter dem Geheimnis des Briefes stecken. Wie dem auch sei,
ich war ein neugieriges Kind. Hat jedenfalls Mama immer gesagt.
Deswegen dachte ich ab jetzt nur noch positiv und entschloss
mich, den Brief zu öffnen, der mir geheimnisvoll erschien, weil
ihn mir der stumme Magier überbracht hatte. Der große
Moment war gekommen. Ich schaute den Brief noch einmal an, während
ich hörte, wie mein Herz immer lauter pochte. Ich schloss die
Augen und öffnete den Brief. Drinnen stand ... nichts. Ich war
überrascht, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Hatte der
Magier sich einen Scherz erlaubt? Ich hatte mir so einen magischen
Brief anders vorgestellt. Magisch eben. Aber dieser Brief hatte nicht
viel mit Magie auf sich. Eher mit Streich mit Überschallgarantie.
Also, ich fand’s nicht lustig. Aber jetzt, urplötzlich,
löste sich ein Strudel aus dem Nichts und baute sich vor dem Zug
auf. Er hatte so einen starken Sog, dass der Zug plötzlich abhob
und in den Strudel davon flog. Ich hatte meinen Mund so weit offen,
dass da sogar eine Kartoffel von übernatürlichen
Ausmaßen hinein gepasst hätte. Aber zum Glück kriegte
ich ihn nachher doch wieder zu. Als der Zug wieder festen Boden unter
sich hatte, und ich aus dem Fenster guckte, sah ich, dass der Zug
sich in einer mittelalterlichen Welt befand und ohne Schienen weiter
fuhr. Draußen tobte eine Schlacht zwischen Rittern und der Zug
fuhr mitten in diese Schlacht hinein. Im Zug waren alle Menschen
außer mir komischerweise verschwunden. Es war aber noch
immer genau der Zug, mit dem ich eigentlich zu meiner Oma fahren
wollte. Aber das war mir jetzt auch egal, schließlich hatte ich
hier etwas Anderes zu tun, als mich mit Omas zu beschäftigen.
Ich wandte mich wieder der Welt zu, in die der Zug hineingebeamt
worden war. Kaum konzentrierte ich mich auf die kämpfenden
Ritter, ging der Zug urplötzlich gewaltig in die Eisen. Ich wäre
durch den ganzen Zug geflogen, hätte ich nicht im letzten Moment
einen Haltegriff erhascht. Mann, war ich geschockt, als ich den Griff
wieder loslassen konnte, weil der Zug endlich zum Stehen kam. Kaum
dass ich mich auf einen der vielen Sitze fallen ließ um den
Schreck zu verdauen, zischten die automatischen Schiebetüren. Es
machte bei mir klick. Vorsichtig machte mich auf den Weg nach
draußen. Ich schaute mich um. Dort war es irgendwie komisch.
Einige Ritter, die gerade nicht kämpften, riefen mir sogar etwas
zu, so was wie: „Hey Kleiner, willst du dich mit mir anlegen?“,
oder „Zieh dir mal was Besseres an, du siehst ja aus wie eine
Modeprinzessin!“ Na ja, was soll’s. Ich habe mal gelesen, dass
Ritter nicht besonders klug sind. Und mitten aus dem Getümmel
erhob sich völlig unerwartet eine mir allzu bekannte Person und
kam auf mich zu. Es war der Magier. Ich setzte wieder das
Bei-mir-passt-eine-übernatürliche-Kartoffel-in-den-Mund-Gesicht
auf und starrte den Magier an. Er sagte: „Lass uns mal zur Seite
gehen.“ Ich nickte nur wortlos. „Also, ich habe dich in diese
Welt mehr oder weniger hereingeholt, weil sich keiner der anderen in
diesem Dorf traut, den tyrannischen Magier, der hier auch wohnt, zu
bekämpfen. Es sind nämlich, musst du wissen, schon viele
mutige Leute, die einst gegen den bösen Magier kämpften,
verschollen geblieben. Bis heute hat sich keiner mehr getraut, sich
mit ihm anzulegen. Sogar ich trau mich nicht. Aber du kannst es
vielleicht schaffen. Ich habe dich nämlich in unsichtbarer
Gestalt beobachtet. Und ich habe gesehen, dass du mutig und neugierig
bist. So einen brauche ich. Deshalb gab ich dir den Brief.“ Ich
hörte dem Magier gespannt zu. „Kommen wir jetzt zur Sache“,
fuhr er fort, „Ich mache es kurz: Ich habe einen Auftrag für
dich.“
Er
schilderte mir den Auftrag. Ich sollte mit Hilfe übernatürlicher
Kräfte genau diesen anderen bösen Magier vernichten, der
das Land hier erobern wollte. Der Magier schaffte es nicht alleine,
da er ja auch Angst hatte, wie er soeben zugab. Der Rest sei mir
überlassen. Ich sagte zu. Wir gingen in die Höhle des guten
Magiers. Er beschwor magische Kräfte und feuerte sie auf mich
ab. Ich konnte mit den Kräften noch nicht umgehen, deshalb
trainierten wir. Wir trainierten von morgens bis abends und ich wurde
immer besser, bis auf ein paar Ausrutscher. Und endlich kam der Tag,
als der Magier sagte: „Du bist jetzt gut genug, Junge. Geh in die
Höhle des Löwen und besiege diesen Möchtegernkönig!“
Ich erwiderte: „Danke für alles“, und machte mich auf den
Weg.
Am
Schloss angekommen, sah ich schon, dass zwei Wachen mit grimmigem
Blick den Zugang verweigerten. Ich handelte kurz und entschlossen:
Ich kitzelte sie, wie Papa es immer bei mir tat. Sie krümmten
sich vor Lachen am Boden und ich ging schnellen Schrittes durch das
Tor. Die Wachen riefen mir noch hinterher: „Stehen bleiben!“ Das
interessierte mich aber nicht im Geringsten. Dann verlangsamte ich
meinen Schritt, denn ich wollte ja nicht auffallen. Auf einmal stand
ich vor einer Tür, auf der „Thronsaal“ stand. Ich stieß
sie auf und die Wachen, die dahinter standen, flogen zur Seite. Der
Magier saß auf einem Thron und fragte: „Was willst du denn,
du Zwerg?“ „Ich antwortete scharf: „Das Land verteidigen.“
„Was, du?“ Er lachte hämisch. „Ja, ich, du mieser Halunke.
Nimm das!“ Mit diesen Worten feuerte ich Windbälle auf ihn ab
und er flog gegen die Wand. „Ist das alles, was du kannst?“,
höhnte er. Dann sagte er entschlossen: „Dir werd ich’s
zeigen.“ Ich brachte nur ein „Ach ja?“ hervor und der Magier
erwiderte siegessicher: „Ja, du wirst dich noch wundern!“ Mein
Mut kehrte zurück: „Tatsächlich? Ist da etwa jemand
wütend?“ Der Magier war wirklich wütend. Er zischte:
„Spar dir deine überflüssigen Bemerkungen!“ und feuerte
Bälle, mit denen alles zu leben beginnt, auf einen Stuhl, sodass
dessen Beine auf mich zuschossen. Ich konnte diese gefährlichen
Geschosse gerade noch mit kleinen Feuerbällen verbrennen und die
Asche fiel zu Boden. Dann nahm ich alle Kraft zusammen und richtete
meine überdimensionalen Feuerbälle auf ihn. Sie trafen ihn
und er sank im selben Augenblick zu Boden. Ich hatte ihn besiegt. Im
letzten Moment seines Lebens keuchte er: „Okay, du hast gewonnen.“
Kurz
darauf löste er sich in Luft auf. Ich hatte es tatsächlich
geschafft. Ich konnte es gar nicht fassen. Im Dorf angekommen, sagte
mir der Magier: „Ich bin stolz auf dich, Junge.“ Er rief den
Menschen zu: „Dieser kleine Junge hat es geschafft, unser Dorf zu
retten.“ Die Massen tobten vor Freude. Ich war stolz auf mich, dass
ich es so weit geschafft hatte. Und ich war froh, dass ich Menschen
helfen konnte. Aber einen Haken hat die Sache: Wie komme ich aus
dieser Welt ’raus zu meiner Oma? Doch im Nachhinein war diese
Geschichte viel besser als bei meiner Oma rumzuhängen.
Von
Niklas Pöllmitz. Klasse 5b, Immanuel-Kant-Schule Neumünster
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