IKS Neumünster > Fachschaften > Deutsch > Schmökergeschichten 28.08.2008    

 

Eine Fahrt ins Ungewisse

Der Magier sah mich an und schwieg. Langsam stand er auf, öffnete die Tür des Zugab­teils und verschwand im selben Augenblick. Da saß ich und blickte verwirrt auf den ver­siegelten Briefumschlag in meinen Händen. Während ich den Brief ansah, dachte ich an alles Mögliche, was passieren oder was in dem Brief stehen könnte. Was man sich halt so in seiner Fantasie vorstellt. Ritter, Drachen, Prinzen, Schlösser, Helden und so weiter gingen mir durch den Kopf. Aber es könnte ja auch etwas Schlimmes hinter dem Geheimnis des Briefes stecken. Wie dem auch sei, ich war ein neugieriges Kind. Hat jedenfalls Mama immer gesagt. Deswegen dachte ich ab jetzt nur noch positiv und ent­schloss mich, den Brief zu öffnen, der mir geheimnisvoll erschien, weil ihn mir der stum­me Magier überbracht hatte. Der große Moment war gekommen. Ich schaute den Brief noch einmal an, während ich hörte, wie mein Herz immer lauter pochte. Ich schloss die Augen und öffnete den Brief. Drinnen stand ... nichts. Ich war überrascht, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Hatte der Magier sich einen Scherz erlaubt? Ich hatte mir so einen magischen Brief anders vorgestellt. Magisch eben. Aber dieser Brief hatte nicht viel mit Magie auf sich. Eher mit Streich mit Überschallgarantie. Also, ich fand’s nicht lus­tig. Aber jetzt, urplötzlich, löste sich ein Strudel aus dem Nichts und baute sich vor dem Zug auf. Er hatte so einen starken Sog, dass der Zug plötzlich abhob und in den Strudel davon flog. Ich hatte meinen Mund so weit offen, dass da sogar eine Kartoffel von über­natürlichen Ausmaßen hinein gepasst hätte. Aber zum Glück kriegte ich ihn nachher doch wieder zu. Als der Zug wieder festen Boden unter sich hatte, und ich aus dem Fenster guckte, sah ich, dass der Zug sich in einer mittelalterlichen Welt befand und ohne Schienen weiter fuhr. Draußen tobte eine Schlacht zwischen Rittern und der Zug fuhr mitten in diese Schlacht hinein. Im Zug waren alle Menschen außer mir komischer­weise verschwunden. Es war aber noch immer genau der Zug, mit dem ich eigentlich zu meiner Oma fahren wollte. Aber das war mir jetzt auch egal, schließlich hatte ich hier etwas Anderes zu tun, als mich mit Omas zu beschäftigen. Ich wandte mich wieder der Welt zu, in die der Zug hineingebeamt worden war. Kaum konzentrierte ich mich auf die kämpfenden Ritter, ging der Zug urplötzlich gewaltig in die Eisen. Ich wäre durch den ganzen Zug geflogen, hätte ich nicht im letzten Moment einen Haltegriff erhascht. Mann, war ich geschockt, als ich den Griff wieder loslassen konnte, weil der Zug endlich zum Stehen kam. Kaum dass ich mich auf einen der vielen Sitze fallen ließ um den Schreck zu verdauen, zischten die automatischen Schiebetüren. Es machte bei mir klick. Vorsichtig machte mich auf den Weg nach draußen. Ich schaute mich um. Dort war es irgendwie komisch. Einige Ritter, die gerade nicht kämpften, riefen mir sogar etwas zu, so was wie: „Hey Kleiner, willst du dich mit mir anlegen?“, oder „Zieh dir mal was Besseres an, du siehst ja aus wie eine Modeprinzessin!“ Na ja, was soll’s. Ich habe mal gelesen, dass Ritter nicht besonders klug sind. Und mitten aus dem Getümmel erhob sich völlig unerwartet eine mir allzu bekannte Person und kam auf mich zu. Es war der Magier. Ich setzte wieder das Bei-mir-passt-eine-übernatürliche-Kartoffel-in-den-Mund-Gesicht auf und starrte den Magier an. Er sagte: „Lass uns mal zur Seite gehen.“ Ich nickte nur wortlos. „Also, ich habe dich in diese Welt mehr oder weniger hereingeholt, weil sich keiner der anderen in diesem Dorf traut, den tyrannischen Magier, der hier auch wohnt, zu bekämpfen. Es sind nämlich, musst du wissen, schon viele mutige Leute, die einst gegen den bösen Magier kämpften, verschollen geblieben. Bis heute hat sich keiner mehr getraut, sich mit ihm anzulegen. Sogar ich trau mich nicht. Aber du kannst es vielleicht schaffen. Ich habe dich nämlich in unsichtbarer Gestalt beobachtet. Und ich habe gesehen, dass du mutig und neugierig bist. So einen brauche ich. Deshalb gab ich dir den Brief.“ Ich hörte dem Magier gespannt zu. „Kommen wir jetzt zur Sache“, fuhr er fort, „Ich mache es kurz: Ich habe einen Auftrag für dich.“

Er schilderte mir den Auftrag. Ich sollte mit Hilfe übernatürlicher Kräfte genau diesen anderen bösen Magier vernichten, der das Land hier erobern wollte. Der Magier schaffte es nicht alleine, da er ja auch Angst hatte, wie er soeben zugab. Der Rest sei mir überlassen. Ich sagte zu. Wir gingen in die Höhle des guten Magiers. Er beschwor magische Kräfte und feuerte sie auf mich ab. Ich konnte mit den Kräften noch nicht um­gehen, deshalb trainierten wir. Wir trainierten von morgens bis abends und ich wurde immer besser, bis auf ein paar Ausrutscher. Und endlich kam der Tag, als der Magier sagte: „Du bist jetzt gut genug, Junge. Geh in die Höhle des Löwen und besiege diesen Möchtegernkönig!“ Ich erwiderte: „Danke für alles“, und machte mich auf den Weg.

Am Schloss angekommen, sah ich schon, dass zwei Wachen mit grimmigem Blick den Zugang verweigerten. Ich handelte kurz und entschlossen: Ich kitzelte sie, wie Papa es immer bei mir tat. Sie krümmten sich vor Lachen am Boden und ich ging schnellen Schrittes durch das Tor. Die Wachen riefen mir noch hinterher: „Stehen bleiben!“ Das interessierte mich aber nicht im Geringsten. Dann verlangsamte ich meinen Schritt, denn ich wollte ja nicht auffallen. Auf einmal stand ich vor einer Tür, auf der „Thronsaal“ stand. Ich stieß sie auf und die Wachen, die dahinter standen, flogen zur Seite. Der Magier saß auf einem Thron und fragte: „Was willst du denn, du Zwerg?“ „Ich antwortete scharf: „Das Land verteidigen.“ „Was, du?“ Er lachte hämisch. „Ja, ich, du mieser Halunke. Nimm das!“ Mit diesen Worten feuerte ich Windbälle auf ihn ab und er flog gegen die Wand. „Ist das alles, was du kannst?“, höhnte er. Dann sagte er entschlossen: „Dir werd ich’s zeigen.“ Ich brachte nur ein „Ach ja?“ hervor und der Magier erwiderte siegessicher: „Ja, du wirst dich noch wundern!“ Mein Mut kehrte zurück: „Tatsächlich? Ist da etwa jemand wütend?“ Der Magier war wirklich wütend. Er zischte: „Spar dir deine überflüssigen Bemerkungen!“ und feuerte Bälle, mit denen alles zu leben beginnt, auf einen Stuhl, sodass dessen Beine auf mich zuschossen. Ich konnte diese gefährlichen Geschosse gerade noch mit kleinen Feuerbällen verbrennen und die Asche fiel zu Boden. Dann nahm ich alle Kraft zusammen und richtete meine überdimensionalen Feuerbälle auf ihn. Sie trafen ihn und er sank im selben Augenblick zu Boden. Ich hatte ihn besiegt. Im letzten Moment seines Lebens keuchte er: „Okay, du hast gewonnen.“

Kurz darauf löste er sich in Luft auf. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich konnte es gar nicht fassen. Im Dorf angekommen, sagte mir der Magier: „Ich bin stolz auf dich, Junge.“ Er rief den Menschen zu: „Dieser kleine Junge hat es geschafft, unser Dorf zu retten.“ Die Massen tobten vor Freude. Ich war stolz auf mich, dass ich es so weit geschafft hatte. Und ich war froh, dass ich Menschen helfen konnte. Aber einen Haken hat die Sache: Wie komme ich aus dieser Welt ’raus zu meiner Oma? Doch im Nachhinein war diese Geschichte viel besser als bei meiner Oma rumzuhängen.



Von Niklas Pöllmitz. Klasse 5b, Immanuel-Kant-Schule Neumünster

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