IKS Neumünster > Veranstaltungen > 50 Jahre IKS > Festreden 21.11.2008    

 

Aus meinem Kant-Schul-Leben: Dichtung und Wahrheit

Wolfgang Schütz - Erinnerungen und Impressionen anlässlich des 50-jährigen Schuljubiläums der Immanuel-Kant-Schule Neumünster

KÖPFE

Im einem Märchen der Gebrüder Grimm gibt es ein dunkles Tor, im dem ist ein Pferde­kopf angenagelt«

Und wenn die verstoßene Königstochter die Gänse morgens, durch das Tor treibt, spricht sie zu ihm: "0, Falada, da du hangest!" Und der Pferdekopf antwortet: "0, Jungfer Königin, da du gangest, ..."

In der Eingangshalle der IKS blickt uns auch ein Kopf an.

Und oft, wenn ich daran vorbeigegangen bin, musste ich an das Märchen denken.

Dabei ist die Halle keineswegs dunkel, son­dern hell und lichtdurchflutet, und der Kopf ist kein Pferdekopf, sondern das Kon­terfei des berühmten Philosophen, nach dem die Schule benannt ist, und er ist nicht an die Wand genagelt, sondern er ruht auf einer mannshohen Stele. Er spricht auch nicht, er schweigt - bedeutungsvoll«

Und das ist wohl eher seine besondere Art, uns etwas zu sagen:

Zum Beispiel: "Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!" Dabei spielt ein Lächeln um seine Lippen, oder nicht?! Es bleibt ungewiss,je länger man das Gesicht betrachtet. Wie beim Lächeln der Mona Lisa.

Man muss immer wieder Hinschauen und sich mit ihm beschäftigen "0, Immanuel, da du hangest,..."

und die Herde der Gänse zieht vorbei. Und ein Kürdchen, den Gänshirten nämlich, gibt es auch. Nur heißt er Direktor. Und die Hilfe, die ihn tatkräftig unter­stützt, die Gänsemagd, ist auch vorhanden: die Sekretärin. Und die ist natürlich heimlich eine Prin­zessin, was sonst. Sie hält die Gänseherde zusammen und alle Fäden in der Hand.

Und wenn sie es wollte, bliese der Wind dem Kürdchen auch den Hut vom Kopf, dass er hinter ihm herlaufen müsste, während sich die Königstochter ihr goldenes Maar kämmt, wie im Märchen.

So ist es stets und in allen Zeiten gewesen, bis heute.

Ich stehe immer wieder gern in der Eingangs­halle der IKS und betrachte den Kopf und vertiefe mich in das bronzene Antlitz und versuche dieses rätselhafte Lächeln zu deuten, von dem ich nicht einmal weiß, ist es überhaupt da - oder nicht.

Ich finde es schon, und ich liebe es, bei jeder Beleuchtung.

DER ROUCHER NÔT

Uns ist im alten Maeren

wunders vil geseit

von Helden lobebaeren,

von grozer Arebeit....


Da was in frühern Zîten

ein Raum der IKS,

darinnen dörft man rauchen

vil gegen den Schulstress

in Frîstund und in Pausen,

Kollegin und Kolleg'.

Wenn sie nit täten jausen,

fanden sie oft dorthin wohl ihren Weg.


Der Raum, der was vil kleine,

fünf Meter im Quadrat

und nur zwei-fünfzig Höhe.

Zwei winzig Luken hât.

zum Klappen er als Fenster,

zum Austausch für die Luft.

Nur Raucherraum-Gespenster

Gab's dort, die ha'm gepafft im grauen Duft.


Der Nebel war so dicke,

dass man nicht irgendwen

von vorn mit einem Blicke,

saß hinten er, konnt seh'n.

Wenn mal wer wem Bestimmten

was auszurichten hatt' , rief er von vorn nach hinten:

"He, ho, Horst Greese, du dor achtern, büst du dat?»


"Mann mach bloß dicht die Schotten!

kriegte man da gesagt, -

Als wie die Kieler Sprotten

saßen sie dicht gepackt.

Die Luft war wie zum Schneiden,

Nichtrauchern war's ein Graus.

Die Raucher muosen' s leiden

und kamen frisch goldgelb geräuchert raus.


Es wurden die Kollegen

recht haltbar so gemacht,

daß sie sich fleißig regen«

Es haben's auch gebracht

die meisten der Gegerbten,

das ward ihr schönster Lohn,

den sie dabei ererbten,

bis hin zu Ruhstand und Pension«

Den Raucherraum von damals,

den gibt es heut' nicht mehr.

Heut' fristen dort ihr Dasein

Papier und Kopierér.

Das Rauchen in der Schule

ist offiziell wohl tot.

So bleibt nur noch zu künden

von einst: der Roucher-Nibelungen-Nôt.


ABI-STREICH

Vor Jahren haben Abiturienten und Abiturientinnen beim traditionellen Abitur-Scherz dem Kollegium die Karosserie eines alten VW-Käfers ins Lehrerzimmer gesetzt, in einem Meer von Luftballons oder Styroporkugeln oder - jedenfalls hübsch, dekoriert.

Möglicherweise steckte eine tiefere Bedeu­tung hinter diesem Akt, von der die Abitu­rienten vielleicht selbst gar nichts ahnten. Das Unbewusste spielt uns ja oft solche Streiche. Interpretationen ließen sieh viele finden.

Aber natürlich konnte das Kunstwerk daselbst nicht verbleiben.

Es wurde auf der Rasenfläche zwischen dem C-Trakt, Kunst-Trakt und den damaligen Fahrradständen am Rand zum Schulhof hin installiert, schön grün gestrichen und mit der Jahreszahl des Abiturs bemalt.

Die Jahre vergingen.

Gras und Blumen wucherten aus dem Wrack, und es zerfiel nach und nach.

Aus Sicherheitsgründen musste es schließlich entfernt werden.

Heute ist unweit dieser Stelle ein neuer Trakt emporgewachsen, die zukünftige Mensa.

Steckt eine tiefere Symbolik hinter dieser Entwicklung ?

»Das Alte stirbt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen..."

Ein pathetisches Statement, und das Bild ist sicherlich heillos verrutscht. Aber es hat etwas charmant Beruhigendes, finde ich. Ob die Realität, so wie ich sie hier wiedergegeben habe, so stimmt oder ob alles nur meine eigene verklärende Erinnerung spiegelt ? Wer weiß !

So bilden sich halt Legenden, hier und immer und überall.

Denn: Alles fließt!


AULA-LEGENDE

Als zirka vor heute 50 Jahren

die Blocks der Kant-Schul' errichtet waren,

da fehlte ein entscheidender Bau! Sie ahnen den Mangel? - Jawohl! Genau!

Die Aula fehlt', ein Versammlungsraum.

Man hatte versprochen, der werde noch kommen!

Der Zeitpunkt aber blieb ziemlich verschwom­men«


Inzwischen, jedoch, da konnte man kaum

die Schüler und Lehrer gemeinsam versammeln,

es sei denn auf dem Schulhof bei Regen und Wind,

was nicht jeder gemütlich und spannend find't,

mit klappernden Zähnen 'ne Rede zu stammeln.

Doch einst würd' sie stehen, die Aula,gewiss!

Es wusste zwar keiner, wann immer das is' ,

doch alle, alle würde sie fassen

zu gemeinsamen Tun und gemeinsamen Lassen!


Auch eine Theaterbühne war' da

für die Jünger der Göttin Thalia,

um der Kunst zu dienen, dem Schönen u. Wahren«

So wurd' im Verein der Freunde beschlossen:

"Im Hinblick darauf wollen unverdrossen

wir für einen Bühnenvorhang schon sparen!"

Ein Bühnenvorhang aus rotem Samt,

der versähe dann sein übliches Amt

und eröffnete uns, wenn er sich tät' heben,

die heitere Kunst dem ernsthaften Leben.

Auf der Front des Vorhangs, traulich vereint,

um zu erflehen der Göttin Gunst,

zwei Masken - Symbol für Thaliens Kunst -

die eine, die lacht, und die andre,die weint.


So gingen die Jahre wohl auf und ab,

die Schülerzahl wuchs, der Raum wurde knapp.

Eine Aula? - Ist dieserzeit nicht das Gebot,

weil Klassen- und Fachräume erstmal tun not!

Die Schule versammeln? - Nehmt doch als Ersatz

den wunderbar grünen sportlichen Platz

gleich hinter dem B-Trakt, was wollt ihr denn mehr?!

Theater-Aufführungen open air!

Und wunderschöne Konzerte kann

man machen, das habt ihr ja schon probiert

und dort verschiedentlich musiziert,

in der Bugenhagenkirche, gleich nebenan,

Abiturientenverabschiedungen? - Da tritt

euch gern die Aula ab: Theodor Litt!


Der Theatervorhang? - Er konnt' sich nicht heben.

Für die heitere Kunst war zu ernsthaft das Leben !

Es war die Zeit unsern Masken feind,

der einen, die lacht, und der andern,die weint»


So gingen die Jahre wohl auf und ab,

da wurde dem Fiskus der Beutel schlapp.

Die Aula-Träume? - Sie waren entwichen,

denn dafür wurden die Mittel gestrichen:

Nicht ständig genutzter Raum tut nicht not!

Und damit war unsre Aula tot!

Keine Bühne, Konzertsaal, Versammlungsraum

und kein Bühnenvorhang! Aus der Traum!

Im Verein der Freunde war die Meinung nicht streitig:

Wir verwenden das Vorhanggeld anderweitig!


Wofür? - Ich weiß nicht mehr! Keine Idee!

Kann sein für die Astronomie-AG;

die hatte damals gegründet Herr Huhn

und versammelte abends auf nächtlichem Dache

des Turmes die Schüler zu himmlischem Tun.

Das war -und ist heut' noch- 'ne tolle Sache!


Vielleicht wurde dafür das Geld genommen,

und sie ha'm so das erste Fernrohr bekommen«

Per aspera ad astra! so geht's in der Welt,

Doch damals hieß es: der Vorhang fällt!

Statt Thalia und Masken - der Jupiter scheint.

Der eine kann lachen, der andere weint.


Was danach wir an Provisorien erfahren,

die lange Geschichte will ich euch ersparen.

Die Jahre gingen wohl ab und auf.

Doch nach 50 Jahren - na, kommt ihr drauf?

Tempora Mutantor! Da kam die Wende!

Eine neue Turnhalle musste her,

die alte genügte baulich nicht mehr

und stand plötzlich ungenutzt und leer!

Ideal für 'ne Aula, dieses Gelände!

Die IKS-Schulleitung ging auf's Ganze.

Jetzt oder nie! hieß ihre Devise.

Und sie hatte Erfolg und erreichte diese

Verwandlung der Halle zu neuem Glänze.


Noch reiben wir uns die Augen verwundert:

Nach 50 Jahren, einem halben Jahrhundert,

hat die IKS eine Aula bekommen !

Noch immer steh ich völlig benommen !


IKS-ler können ohne Beschwerden

in einer Aula versammelt werden!

Eine Bühn' für Theater und für Konzert

hat uns der Umbau auch beschert,

mit einem Vorhang - der ist schon zur Stell'!

Ist's ein Wunder? Verdienst? Ist's Bestimmung? Ist's Glück?

Und ich denke an den Anfang zurück.


Der Theatervorhang schwebt - virtuell -

ein wenig mystisch, gleich einem Traum

vor meinem inneren Auge im Raum,

rot-samten, zwei Masken auf seinem Grund

- Thalias Symbol ! - Sie verziehen den Mund,

wer hinschaut, der sieht, was zu seh'n er vermeint:

Die eine, sie lacht, und die andere, sie weint!


DIE EICHE AUF DEM SCHULHOF AN DER STIRNSEITE DES C-TRAKTS

Als an die IKS ich kam,

war sie ein dünner Stecken.

Doch Jahre gehen, Jahre nah'n,

von Riepen, Lorenz bis zu Rahn

tat' sieh die Eiche strecken.


Jetzt breitet sie die Krone weit,

und mächtig ist ihr Schatten,

Sie ist für mich ein Bild der Zeit,

sich dehnend, wachsend, ragend - seit

wir einst gepflanzt sie hatten.

Rund um den Stamm ist eine Bank,

drauf hocken wie die Spatzen

bei Sonnenschein und Amselsang

Mädchen und Jungen pausenlang

und lachen laut und schwatzen.


Ich stehe fern, gelegentlich,

und les' in ihren Mienen

und sinne und erinnre mich,

als ich noch über'n Schulhof schlich,

und lachte gern mit ihnen.

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