Aus meinem Kant-Schul-Leben: Dichtung und WahrheitWolfgang Schütz - Erinnerungen und Impressionen anlässlich des 50-jährigen Schuljubiläums der Immanuel-Kant-Schule NeumünsterKÖPFE
Im
einem Märchen der Gebrüder Grimm gibt es ein dunkles Tor,
im dem ist ein Pferdekopf angenagelt«
Und
wenn die verstoßene Königstochter die Gänse morgens,
durch das Tor treibt, spricht sie zu ihm: "0, Falada, da du
hangest!" Und der Pferdekopf antwortet: "0, Jungfer
Königin, da du gangest, ..."
In
der Eingangshalle der IKS blickt uns auch ein Kopf an.
Und
oft, wenn ich daran vorbeigegangen bin, musste ich an das Märchen
denken.
Dabei
ist die Halle keineswegs dunkel, sondern hell und
lichtdurchflutet, und der Kopf ist kein Pferdekopf, sondern das
Konterfei des berühmten Philosophen, nach dem die Schule
benannt ist, und er ist nicht an die Wand genagelt, sondern er ruht
auf einer mannshohen Stele. Er spricht auch nicht, er schweigt -
bedeutungsvoll«
Und
das ist wohl eher seine besondere Art, uns etwas zu sagen:
Zum
Beispiel: "Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu
bedienen!" Dabei spielt ein Lächeln um seine Lippen, oder
nicht?! Es bleibt ungewiss,je länger man das Gesicht betrachtet.
Wie beim Lächeln der Mona Lisa.
Man
muss immer wieder Hinschauen und sich mit ihm beschäftigen "0,
Immanuel, da du hangest,..."
und
die Herde der Gänse zieht vorbei. Und ein Kürdchen, den
Gänshirten nämlich, gibt es auch. Nur heißt er
Direktor. Und die Hilfe, die ihn tatkräftig unterstützt,
die Gänsemagd, ist auch vorhanden: die Sekretärin. Und die
ist natürlich heimlich eine Prinzessin, was sonst. Sie hält
die Gänseherde zusammen und alle Fäden in der Hand.
Und
wenn sie es wollte, bliese der Wind dem Kürdchen auch den Hut
vom Kopf, dass er hinter ihm herlaufen müsste, während sich
die Königstochter ihr goldenes Maar kämmt, wie im Märchen.
So
ist es stets und in allen Zeiten gewesen, bis heute.
Ich
stehe immer wieder gern in der Eingangshalle der IKS und
betrachte den Kopf und vertiefe mich in das bronzene Antlitz und
versuche dieses rätselhafte Lächeln zu deuten, von dem ich
nicht einmal weiß, ist es überhaupt da - oder nicht.
Ich
finde es schon, und ich liebe es, bei jeder Beleuchtung.
DER ROUCHER NÔT
Uns
ist im alten Maeren
wunders
vil geseit
von
Helden lobebaeren,
von
grozer Arebeit....
Da
was in frühern Zîten
ein
Raum der IKS,
darinnen
dörft man rauchen
vil
gegen den Schulstress
in
Frîstund und in Pausen,
Kollegin
und Kolleg'.
Wenn
sie nit täten jausen,
fanden
sie oft dorthin wohl ihren Weg.
Der
Raum, der was vil kleine,
fünf
Meter im Quadrat
und
nur zwei-fünfzig Höhe.
Zwei
winzig Luken hât.
zum
Klappen er als Fenster,
zum
Austausch für die Luft.
Nur
Raucherraum-Gespenster
Gab's
dort, die ha'm gepafft im grauen Duft.
Der
Nebel war so dicke,
dass
man nicht irgendwen
von
vorn mit einem Blicke,
saß
hinten er, konnt seh'n.
Wenn
mal wer wem Bestimmten
was
auszurichten hatt' , rief er von vorn nach hinten:
"He,
ho, Horst Greese, du dor achtern, büst du dat?»
"Mann
mach bloß dicht die Schotten!“
kriegte
man da gesagt, -
Als
wie die Kieler Sprotten
saßen
sie dicht gepackt.
Die
Luft war wie zum Schneiden,
Nichtrauchern
war's ein Graus.
Die
Raucher muosen' s leiden
und
kamen frisch goldgelb geräuchert raus.
Es
wurden die Kollegen
recht
haltbar so gemacht,
daß
sie sich fleißig regen«
Es
haben's auch gebracht
die
meisten der Gegerbten,
das
ward ihr schönster Lohn,
den
sie dabei ererbten,
bis
hin zu Ruhstand und Pension«
Den
Raucherraum von damals,
den
gibt es heut' nicht mehr.
Heut'
fristen dort ihr Dasein
Papier
und Kopierér.
Das
Rauchen in der Schule
ist
offiziell wohl tot.
So
bleibt nur noch zu künden
von
einst: der Roucher-Nibelungen-Nôt.
ABI-STREICH
Vor
Jahren haben Abiturienten und Abiturientinnen beim traditionellen
Abitur-Scherz dem Kollegium die Karosserie eines alten VW-Käfers
ins Lehrerzimmer gesetzt, in einem Meer von Luftballons oder
Styroporkugeln oder - jedenfalls hübsch, dekoriert.
Möglicherweise
steckte eine tiefere Bedeutung hinter diesem Akt, von der die
Abiturienten vielleicht selbst gar nichts ahnten. Das Unbewusste
spielt uns ja oft solche Streiche. Interpretationen ließen sieh
viele finden.
Aber
natürlich konnte das Kunstwerk daselbst nicht verbleiben.
Es
wurde auf der Rasenfläche zwischen dem C-Trakt, Kunst-Trakt und
den damaligen Fahrradständen am Rand zum Schulhof hin
installiert, schön grün gestrichen und mit der Jahreszahl
des Abiturs bemalt.
Die
Jahre vergingen.
Gras
und Blumen wucherten aus dem Wrack, und es zerfiel nach und nach.
Aus
Sicherheitsgründen musste es schließlich entfernt werden.
Heute
ist unweit dieser Stelle ein neuer Trakt emporgewachsen, die
zukünftige Mensa.
Steckt
eine tiefere Symbolik hinter dieser Entwicklung ?
»Das
Alte stirbt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht
aus den Ruinen..."
Ein
pathetisches Statement, und das Bild ist sicherlich heillos
verrutscht. Aber es hat etwas charmant Beruhigendes, finde ich. Ob
die Realität, so wie ich sie hier wiedergegeben habe, so stimmt
oder ob alles nur meine eigene verklärende Erinnerung spiegelt ?
Wer weiß !
So
bilden sich halt Legenden, hier und immer und überall.
Denn:
Alles fließt!
AULA-LEGENDE
Als
zirka vor heute 50 Jahren
die
Blocks der Kant-Schul' errichtet waren,
da
fehlte ein entscheidender Bau! Sie ahnen den Mangel? - Jawohl! Genau!
Die
Aula fehlt', ein Versammlungsraum.
Man
hatte versprochen, der werde noch kommen!
Der
Zeitpunkt aber blieb ziemlich verschwommen«
Inzwischen,
jedoch, da konnte man kaum
die
Schüler und Lehrer gemeinsam versammeln,
es
sei denn auf dem Schulhof bei Regen und Wind,
was
nicht jeder gemütlich und spannend find't,
mit
klappernden Zähnen 'ne Rede zu stammeln.
Doch
einst würd' sie stehen, die Aula,gewiss!
Es
wusste zwar keiner, wann immer das is' ,
doch
alle, alle würde sie fassen
zu
gemeinsamen Tun und gemeinsamen Lassen!
Auch
eine Theaterbühne war' da
für
die Jünger der Göttin Thalia,
um
der Kunst zu dienen, dem Schönen u. Wahren«
So
wurd' im Verein der Freunde beschlossen:
"Im
Hinblick darauf wollen unverdrossen
wir
für einen Bühnenvorhang schon sparen!"
Ein
Bühnenvorhang aus rotem Samt,
der
versähe dann sein übliches Amt
und
eröffnete uns, wenn er sich tät' heben,
die
heitere Kunst dem ernsthaften Leben.
Auf
der Front des Vorhangs, traulich vereint,
um
zu erflehen der Göttin Gunst,
zwei
Masken - Symbol für Thaliens Kunst -
die
eine, die lacht, und die andre,die weint.
So
gingen die Jahre wohl auf und ab,
die
Schülerzahl wuchs, der Raum wurde knapp.
Eine
Aula? - Ist dieserzeit nicht das Gebot,
weil
Klassen- und Fachräume erstmal tun not!
Die
Schule versammeln? - Nehmt doch als Ersatz
den
wunderbar grünen sportlichen Platz
gleich
hinter dem B-Trakt, was wollt ihr denn mehr?!
Theater-Aufführungen
open air!
Und
wunderschöne Konzerte kann
man
machen, das habt ihr ja schon probiert
und
dort verschiedentlich musiziert,
in
der Bugenhagenkirche, gleich nebenan,
Abiturientenverabschiedungen?
- Da tritt
euch
gern die Aula ab: Theodor Litt!
Der
Theatervorhang? - Er konnt' sich nicht heben.
Für
die heitere Kunst war zu ernsthaft das Leben !
Es
war die Zeit unsern Masken feind,
der
einen, die lacht, und der andern,die weint»
So
gingen die Jahre wohl auf und ab,
da
wurde dem Fiskus der Beutel schlapp.
Die
Aula-Träume? - Sie waren entwichen,
denn
dafür wurden die Mittel gestrichen:
Nicht
ständig genutzter Raum tut nicht not!
Und
damit war unsre Aula tot!
Keine
Bühne, Konzertsaal, Versammlungsraum
und
kein Bühnenvorhang! Aus der Traum!
Im
Verein der Freunde war die Meinung nicht streitig:
Wir
verwenden das Vorhanggeld anderweitig!
Wofür?
- Ich weiß nicht mehr! Keine Idee!
Kann
sein für die Astronomie-AG;
die
hatte damals gegründet Herr Huhn
und
versammelte abends auf nächtlichem Dache
des
Turmes die Schüler zu himmlischem Tun.
Das
war -und ist heut' noch- 'ne tolle Sache!
Vielleicht
wurde dafür das Geld genommen,
und
sie ha'm so das erste Fernrohr bekommen«
Per
aspera ad astra! so geht's in der Welt,
Doch
damals hieß es: der Vorhang fällt!
Statt
Thalia und Masken - der Jupiter scheint.
Der
eine kann lachen, der andere weint.
Was
danach wir an Provisorien erfahren,
die
lange Geschichte will ich euch ersparen.
Die
Jahre gingen wohl ab und auf.
Doch
nach 50 Jahren - na, kommt ihr drauf?
Tempora
Mutantor! Da kam die Wende!
Eine
neue Turnhalle musste her,
die
alte genügte baulich nicht mehr
und
stand plötzlich ungenutzt und leer!
Ideal
für 'ne Aula, dieses Gelände!
Die
IKS-Schulleitung ging auf's Ganze.
Jetzt
oder nie! hieß ihre Devise.
Und
sie hatte Erfolg und erreichte diese
Verwandlung
der Halle zu neuem Glänze.
Noch
reiben wir uns die Augen verwundert:
Nach
50 Jahren, einem halben Jahrhundert,
hat
die IKS eine Aula bekommen !
Noch
immer steh ich völlig benommen !
IKS-ler
können ohne Beschwerden
in
einer Aula versammelt werden!
Eine
Bühn' für Theater und für Konzert
hat
uns der Umbau auch beschert,
mit
einem Vorhang - der ist schon zur Stell'!
Ist's
ein Wunder? Verdienst? Ist's Bestimmung? Ist's Glück?
Und
ich denke an den Anfang zurück.
Der
Theatervorhang schwebt - virtuell -
ein
wenig mystisch, gleich einem Traum
vor
meinem inneren Auge im Raum,
rot-samten,
zwei Masken auf seinem Grund
-
Thalias Symbol ! - Sie verziehen den Mund,
wer
hinschaut, der sieht, was zu seh'n er vermeint:
Die
eine, sie lacht, und die andere, sie weint!
DIE EICHE AUF DEM SCHULHOF AN DER STIRNSEITE DES C-TRAKTS
Als
an die IKS ich kam,
war
sie ein dünner Stecken.
Doch
Jahre gehen, Jahre nah'n,
von
Riepen, Lorenz bis zu Rahn
tat'
sieh die Eiche strecken.
Jetzt
breitet sie die Krone weit,
und
mächtig ist ihr Schatten,
Sie
ist für mich ein Bild der Zeit,
sich
dehnend, wachsend, ragend - seit
wir
einst gepflanzt sie hatten.
Rund
um den Stamm ist eine Bank,
drauf
hocken wie die Spatzen
bei
Sonnenschein und Amselsang
Mädchen
und Jungen pausenlang
und
lachen laut und schwatzen.
Ich
stehe fern, gelegentlich,
und
les' in ihren Mienen
und
sinne und erinnre mich,
als
ich noch über'n Schulhof schlich,
und
lachte gern mit ihnen.
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